Starke Medikamente wirken auf die Krebserkrankung ein. Das ist für viele Organe im Körper oft erst einmal nachteilig. Deshalb sei es sehr wichtig, dass alle Kinder und Jugendlichen nach einer Krebstherapie in spezialisierten Nachsorgeeinheiten begleitet würden, so Professor Irene Teichert-von Lüttichau, Oberärztin und Leiterin für den kinderonkologischen Schwerpunkt Hämatologie-Onkologie in der Kinderklinik München Schwabing.
Trotz moderner Spitzenmedizin, innovativer Therapien und beeindruckender Forschungserfolge bleibt Krebs bei Kindern und Jugendlichen eine erschütternde Realität und nicht jedes Kind kann geheilt werden.
Um mehr über den aktuellen Wissens- und Therapiestand für Kinder mit einer Blutkrebserkrankung zu erfahren, haben wir uns mit Professor Irene Teichert-von Lüttichau, unserem Vorstands- und Ratsmitglied ausgetauscht.

Prof. Irene Teichert-von Lüttichau (2. von rechts) bei einer Pressekonferenz zum Weltkrebstag 2025. (Foto: Stiftung Kinderklinik München Schwabing)
Sabine Loh führte ein Interview mit der Expertin für Krebserkrankungen des Blutes bei Kindern und Jugendlichen
SL: Professor Teichert von Lüttichau, in den letzten Jahren hört man immer häufiger von neuen Behandlungsmöglichkeiten, wie Gentherapie oder Immuntherapien. Was bedeuten diese Entwicklungen konkret für Kinder mit Blut- oder Krebserkrankungen und welche Chancen ergeben sich daraus für betroffene Familien?

Prof. TvL: Immuntherapien werden bereits bei einigen Krebserkrankungen im Kindsalter, vor allem bei Leukämien (Krebserkrankungen des Blutes, Anm. d. Red.), angewandt. Durch diese spezialisierten Therapiemethoden können wir die Heilungschancen von Kindern noch weiter verbessern. Auch bei einigen soliden Tumoren (Krebszellansammlungen an einem Ort, Anm. d. Red.) sind Immuntherapien bereits in der Erprobung. An unserer Klinik wird ebenfalls an einem neuartigen immuntherapeutischen Ansatz für kindliche Sarkome gearbeitet.
SL: Heute können viele Kinder mit schweren Blut- oder Krebserkrankungen geheilt werden. Welche möglichen Spätfolgen einer Behandlung sollten Eltern kennen und wie werden Kinder nach der Therapie langfristig begleitet?
Prof. TvL: Leider wirken die Medikamente, die wir einsetzen müssen, um eine Krebserkrankung dauerhaft zu heilen auch auf viele andere Organe im Körper oft nachteilig. Deshalb ist es sehr wichtig, dass alle Kinder und Jugendlichen nach einer Krebstherapie in spezialisierten Nachsorgeeinheiten versorgt werden. Hier wird besonders auf die Früherkennung von Spätfolgen geachtet. Dadurch können Folgeerkrankungen gut behandelt und möglicherweise ganz vermieden werden. Auch an unserer Klinik gibt es eine Pediatric Cancer Survivor Ambulanz.
SL: Moderne Untersuchungsmethoden ermöglichen es, Erkrankungen immer genauer zu verstehen. Wie hilft diese exakte Diagnostik dabei, die Behandlung individuell auf ein erkranktes Kind abzustimmen?
Prof. TvL: Spezialisierte diagnostische Methoden tragen nicht nur dazu bei, eine Diagnose schnell und präzise zu stellen, sondern auch den individuellen Behandlungserfolg jedes einzelnen Patienten zu verfolgen und gegebenenfalls die Therapie individuell anzupassen.
SL: Viele Eltern sorgen sich, ob ihr Kind Zugang zu den bestmöglichen Therapien erhält. Wie gut ist die Versorgung von Kindern mit hämato/onkologischen Erkrankungen in Deutschland und worauf sollten Familien besonders achten?
Prof. TvL: In Deutschland gibt es regional verteilt viele auf Kinder spezialisierte onkologische Zentren. Zusätzlich haben sich in Deutschland 5 regionale Netzwerke gebildet, die dafür sorgen, dass alle Kinder Zugang auch zu neuen Medikamenten bekommen. In Bayern wurde dafür vor 8 Jahren von den 6 Universitätskliniken das Kinderonkologische Netzwerk Bayern (KioNet) gegründet.
SL: Welche Entwicklungen in der Kinderhämatologie und -onkologie geben Ihnen persönlich in den kommenden Jahren besonders Hoffnung für erkrankte Kinder und ihre Familien?
Prof. IvL: Ich glaube Immuntherapien haben ein hohes Potential, unsere Therapiemöglichkeiten zu verbessern. Und ich denke, es ist wirklich wichtig, das Thema Prävention von Spätfolgen ganz hoch aufzuhängen und durch Forschung voranzutreiben. Damit können wir nicht nur die Heilungschancen, sondern auch die Lebensqualität unserer Kinder und Jugendlichen verbessern. Prävention ist aber nicht nur in der Kinderonkologie ein wichtiges Therma, sondern in der gesamten Kinderheilkunde.



